Leseprobe

Wieso gibt es einen Mann in ihrem Leben, der Carl heißt? Sie glaubt es nicht. Es kann doch nicht sein, dass es einen gibt, der es ausgehalten hat, dass sie nicht laufen kann, der einen Rollstuhl besorgt hat, der einfach da ist, der manchmal in die Küche geht und einen Kaffee aufbrüht, der sich für ihre Bilder interessiert, der sie geküsst hat, wie er sie geküsst hat, und der ihr nun die Welt zeigen will. Sie muss ihn fragen. Heute muss sie allen Mut aufbringen und ihn fragen: Warum gerade ich? Warum eine wie ich, deren Haut welk ist, eine, die abends die Hälfte ihrer Zähne mit einer Reinigungstablette in ein Glas legt, eine, deren Brüste und Pobacken hängen wie schlappe Luftballons, eine, die Kleingedrucktes ohne Brille nicht mehr lesen kann, eine, die schon nach zwei Stunden Gartenarbeit Rückenschmerzen bekommt, dafür aber mindestens alle zwei Stunden zur Toilette muss, eine, die sich nach so viel Jahren der Einsamkeit gar nicht mehr recht vorstellen kann, wie das so gehen soll mit der Lust zu zweit. Eine, die nicht mehr lange zu leben hat, jedenfalls nur noch eine absehbare Zeit, eine, die keine Zukunft mehr hat, so eine? Eine Vierundsiebzigjährige.

Aber Carl ist fünfundsiebzig. Er hat Altersflecken auf den Händen; unter den Augen liegt die weiche Haut in winzigen Fältchen geriffelt; er hat keine Haare mehr, sondern eine Glatze, ein mächtiges blank poliertes Haupt, das hinten in eine Nackenlinie ausläuft, die sie gerne streicheln möchte. Unter seinem Pullover wölbt sich ein Bauch, in seiner rechten Hüfte steckt ein Stück Metall, davon hat er gewiss eine große Narbe, und wer weiß, wie seine Haut unter der eleganten Kleidung aussieht und ob nicht auch er seine Zähne herausnehmen kann.

Das macht alles überhaupt nichts. Er bleibt Carl, dem sie nahe sein möchte. Sie hat einen liebevollen Blick auf diesen Mann. Sie ist hingerissen von seinem Lächeln, von dem Funkeln in seinen Augen; sie mag, wie er riecht; sie ist gleichermaßen fasziniert von seiner Stimme wie von der Art, wie er eine Tasse zum Mund führt; ihr gefällt, wie er sich bewegt, dieser wiegende Gang, diese achtsame Weise, Dinge in die Hand zu nehmen; ihr gefallen seine teuren Kaschmirpullover und seine Mädchenhände, und vermutlich wird ihr auch alles gefallen, was sie bis jetzt noch nicht kennt.

Wenn er sie nun genauso anschaut?

Sie muss erleichtert lachen und prustet vor lauter Lebenslust, die sie jäh überkommt, ihr Gurgelwasser in hohem Bogen in die Badewanne. So ist das! Es geht immer um die Liebe und nur um die Liebe. Mit einem liebevollen Blick auf sich selbst und die Welt wird das Leben leicht und friedlich, mit einem bösen wird es quälend und zerstörerisch. Eigentlich weiß sie das schon lange, aber es war ihr abhanden gekommen. Sie hat ihre Ohren zu viel nach außen und zu wenig nach innen gedreht, sie hat zu viel hereingelassen von dem, was die Jungen sagen, diese unerbittlich Jungen im Radio, im Fernsehen und in den Büchern, die sich noch unsterblich fühlen und die Alten für eine besondere Spezies halten, die sie nur durch die ihnen anhaftenden Mängel beschreiben können. Darüber trösten auch so schöne Begriffe wie „Best-age“ nicht hinweg. Wahrscheinlich auch nur ein schlauer Werbegag, weil die Jungen mit den Alten Geschäfte machen wollen.

Energisch verteilt sie die eben von diesen geschäftstüchtigen Jungen hergestellte braungetönte Tagescreme auf ihren schlaffen Wangen. Was für eine Vorspiegelung falscher Tatsachen! Es war zweifellos angenehmer, in einem jungen Körper zu leben. Aber ob es auch besser war? Es war anders. Altsein ist wie Jungsein: eine ganz besondere Art, in der Welt zu sein. Man darf das Alter nicht an der Jugend messen, es ist etwas ganz Eigenes, und sie ist auf ihre ganz eigene, vierundsiebzigjährige Weise verliebt, was kein bisschen weniger aufregend ist als vor achtunddreißig Jahren.